Eine Weihnachtsgeschichte

von Charles Dickens (* 7. Februar 1812; † 9. Juni 1870)

Originaltitel: A Christmas Carol in Prose

Die Hauptfigur, um die sich alles in Dickens Weihnachtsgeschichte dreht, ist Ebenezer Scrooge, seines Zeichens ein Geschäftsmann, der es nur auf seinen eigenen Profit absieht und nicht an andere Menschen denkt. Das Weihnachtsfest interessiert Scrooge nicht – für ihn könnte der Tag besser genutzt werden, wenn alle Menschen normal arbeiten würden, so wie er es vor hat. Zu Beginn der Geschichte erlebt man Scrooge in unterschiedlichen Situationen, die seine kalte Einstellung, seinen Geiz und seine selbstproduzierte Einsamkeit darstellen.

Scrooge rechnet nicht damit, was ihm in diesem Jahr an Weihnachten passieren soll: Gleich vier Geister suchen ihn, der nicht viel Sinn für den feierlichen Anlass hat, auf. Der erste Geist ist hierbei ein verstorbener Kollege Scrooges, der ein ähnliches Leben führte, wie der geizige Geschäftsmann selbst. Die Botschaft des Geistes ist klar: Entweder Scrooge ändert sein Leben von Grund auf oder das Selbige wird, wie bei seinem mit Ketten behangenen ehemaligen Geschäftspartner, ein unschönes Ende nehmen.

Verdeutlicht wird die Botschaft dadurch, dass Scrooge im Folgenden von drei weiteren Geistern aufgesucht wird: Vom Geist der vergangenen Weihnacht, vom Geist der diesjährigen Weihnacht und schlussendlich vom Geist der zukünftigen Weihnacht.

Der Geist der vergangenen Weihnacht

Zunächst wird Scrooge vom Geist der vergangenen Weihnacht, der seine Gestalt nach Bedarf wandeln kann, auf eine interessante Reise mitgenommen. Auf dieser kann er noch einmal unterschiedliche Weihnachtsfeste, die er in seinem Leben verbracht hat, erleben. Angefangen über eine einsame Weihnacht als kleiner Junge über eine im jungen, ausgelassenen Lehrlingsalter bis hin zu der Weihnacht, in der die Beziehung zu seiner Geliebten endet. Der Grund für die Trennung waren bereits die Charakterzüge, die Scrooge heutzutage in Reinkultur an den Tag legt: Geschäftsbesessenheit und Desinteresse an anderen Menschen.

Zudem muss Scrooge durch den Geist erfahren, dass seine ehemalige Verlobte nun glücklich zusammen mit ihrer neu gegründeten Familie Weihnachten verbringt – ein glückliches Leben, auf das sich Scrooge jede Chance genommen hat. Scrooge zeigt sich überraschenderweise nicht unberührt von den Ausschnitten aus seinem Leben. Im Gegenteil: Er leidet an den Erinnerungen und wehrt sich gegen das Betrachten weiterer Sequenzen aus seinem Leben. Scrooge soll aber nur eine kleine Pause vergönnt bleiben, denn schon bald nach dem Verschwinden des ersten Geistes, erscheint der zweite Geist – der Geist der diesjährigen bzw. gegenwärtigen Weihnacht.

Der Geist der diesjährigen Weihnacht

Der gutmütige Geist der gegenwärtigen Weihnacht entführt Scrooge als nächstes. Wie der Name des Geistes bereits andeutet, wird dieser zusammen mit Scrooge nicht ehemalige Weihnachtsfeste besuchen, sondern solche, die in diesem Jahr stattfinden. Die Weihnachtsfeiern, die der Geist mit Scrooge aufsucht, sind diejenigen eines Angestellten von Scrooge sowie diejenige seines Neffen. Beide Besuche halten Ebenezer auf unterschiedliche Art und Weise den Spiegel vor.

Beim ersten Besuch beobachtet Scrooge die Weihnachtsfeier im Hause seines Angestellten Bob Cratchit. Die Feier findet in sehr ärmlichen Verhältnissen statt. Hier wird Scrooge deutlich, dass sein Geiz der Familie kein festlicheres Weihnachten erlaubt. Hinzu kommt, dass der Sohn der Familie an einer schweren Krankheit leidet, die offenbar ebenfalls aus Geldmangel nicht ausreichend therapiert werden kann. Das Verblüffende an der Situation ist, dass die Familie trotz der widrigen Umstände ein harmonisches Fest feiert, das frei von Neid und Missgunst ist: Hier herrschen Liebe und Geborgenheit, die mehr als die teuersten Geschenke wert sind. Scrooge ist ergriffen von dem Anblick der glücklichen Familie und sich seiner Mitschuld an ihrer gegenwärtigen Situation bewusst.

Beim zweiten Besuch in Begleitung des Geistes der aktuellen Weihnacht wird die Kritik an Scrooges Lebenswandel sehr viel direkter dargestellt. Scrooge muss hier einer Situation beiwohnen, in der sich sein Neffe zusammen mit Freunden über ihn und sein geiziges Verhalten lustig macht. Scrooge wollte Weihnachten nicht zusammen mit seinem Neffen feiern, was diesen zu dieser Schmähung bewegt. Auch die harten Worte schmerzen dem nun immer weicher werdenden Ebenezer. Damit ist aber noch lange nicht Schluss: Zwar verschwindet nach einem Gespräch mit Scrooge auch bald der Geist der diesjährigen Weihnacht so plötzlich wie er gekommen ist, Scrooge soll aber noch von einem dritten Geist aufgesucht werden: Von dem Geist der zukünftigen Weihnacht.

Der Geist der zukünftigen Weihnacht

Der dritte Geist, der in Dickens Weihnachtsgeschichte auftaucht, unterscheidet sich stark von den beiden ersten Geistern. Er ist der Geist der zukünftigen Weihnacht. Im Gegensatz zu den Geistern der vergangenen und der jetzigen Weihnacht wird er dunkel und unheimlich dargestellt. Der dunkle Geist der zukünftigen Weihnacht entführt Scrooge auf eine dritte und letzte Reise.

Auf dem Weg durch die britische Hauptstadt hören der Geist und Scrooge Gespräche, in denen es um den Tod eines unbeliebten Menschen geht. Niemand weint der betreffenden Person auch nur eine Träne nach, und das obwohl sie offenkundig recht reich gewesen sein muss. Über wen die Menschen so negativ reden, kann Scrooge nicht verstehen. Schnell vermutet er aber anhand der Charakterisierungen, dass es sich um ihn selbst handeln muss. Im Laufe der Reise kommen immer mehr Indizien zusammen, die Scrooges düstere Vermutung unterstützen. Das was Scrooge bei der ganzen Sache am meisten bestürzt ist, dass niemand auch nur ansatzweise Trauer angesichts seines Ablebens zeigt. Ganz im Gegenteil, beispielhaft zeigt der Geist Scrooge Menschen, die sich über dessen Tod freuen, da sie durch ihn eine Last abgenommen bekommen haben. Im Gegensatz dazu kann Scrooge durch die Kräfte des Geistes auch noch erleben, was echte Liebe und Trauer sind. Beide besuchen erneut die Familie von Bob Cratchit: Der arme Sohn Tim ist gestorben und die gesamte Familie trauert tief und aufrichtig um das Kind.

Zum Ende der Reise mit dem dritten Geist wird Scrooge auch die letzte Illusion genommen: Er erblickt einen Grabstein, auf dem sein Name steht. Er hat dementsprechend keinen Grund mehr daran zu zweifeln, dass er die Person war, über dessen Tod niemand in der ganzen Stadt auch nur eine Träne verloren hat.

Scrooges Wandlung

Alle Geister verfolgen, wie bereits deutlich geworden zu sein scheint, ein und dasselbe Ziel: Scrooge soll gezeigt werden, dass sein bisheriges Leben sinnlos und leer war. Werte wie Liebe, Geborgenheit, Mitgefühl und Solidarität fehlten in seinem Leben. Ersetzt hat er sie durch das seelenlose Streben nach Geld. Und tatsächlich gibt es ein Happy End in Dickens Weihnachtsgeschichte: Scrooge wird durch das Erscheinen der Geister wachgerüttelt: Als er am nächsten Morgen aufwacht und es Weihnachten ist, beschließt er, sein Leben von Grund auf zu ändern und begeht gleich mehrerer Wohltaten. Zu diesen gehört unter anderen, dass er Bobs Gehalt erhöht, sodass Tim besser versorgt und gerettet werden kann. Scrooge selbst entschließt sich zudem, dieses Jahr doch Weihnachten zu feiern, und zwar in der ausgelassenen Gesellschaft rund um seinen Neffen, die ihn nun gerne aufnimmt.

Die Weihnachtsgeschichte nach Charles Dickens appelliert ganz deutlich an das Gute im Menschen: Geld ist nicht alles im Leben, viel wichtiger ist es, ein offenes Ohr für seine Nächsten zu haben und Mitgefühl zu zeigen. Der Sinn von Weihnachten ist es, Liebe zu zeigen und die Gemeinschaft mit geliebten Menschen zu suchen. Natürlich steckt hinter Charles Dickens Weihnachtsgeschichte auch eine gehörige Portion Gesellschaftskritik. Ebenezer Scrooge muss wohl nur als ein exemplarischer Fall betrachtet werden. Um mehr Mitgefühl und Liebe in die Welt bringen zu können, müssen sich viele Menschen und – weiterinterpretiert – auch gesellschaftliche und politische Strukturen verändern.

Auch wenn die wichtigsten Geschehnisse der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens dieser kurzen Zusammenfassung entnommen werden können, sollte man sich die Zeit nehmen, die Weihnachtsgeschichte einmal im Original zu lesen. Hier kann man einen lebendigen Eindruck der Erzählkunst von Charles Dickens gewinnen.

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